Zwischen Traum und Albtraum

Mit dem ewigen Wunsch des Menschen nach Transzendenz, nach Rausch und Befreiung von den Beschränkungen des Daseins lassen sich Kriege anzetteln, Gesellschaften verändern und Wirtschaftsimperien aufbauen – illegale wie legale.

Angefangen hat alles mit Pflanzen, die sich gegen ihre Fressfeinde zur Wehr setzten. Im Laufe der Evolution entwickelten viele ein chemisches Schutzschild, um nicht gefressen zu werden: Inhaltsstoffe, die für Tiere giftig oder unbekömmlich sind. Bereits in grauer Vorzeit entdeckten die ersten Menschen, dass diese Pflanzen auch für sie giftig sind. Und sie entdeckten noch etwas anderes: Viele Blätter, Wurzeln, Pilze und Kakteen hatten – richtig dosiert – erstaunliche Wirkungen. Sie konnten Schmerzen lindern, Krankheiten heilen und – mitunter– den Kontakt zu Geistern, Göttern und Ahnen herstellen. Dazu waren Heilkundige und Schamanen nötig, denn nur sie kannten sich auf dem schmalen Grat zwischen Trance und Vergiftung aus.

Rausch seit der Antike

Bewusstseinsverändernde Pflanzen begleiten seither die Menschheit. Das Alte Testament erwähnt die halluzinatorisch wirkende Mandragorawurzel (Alraune) – und Myrrhe: ein tropisches Harz, das in hoher Dosierung ähnlich schmerzstillend wie Opium wirkt. Seit Jahrtausenden lassen sich Menschen vom Hanf und dem daraus hergestellten Haschisch berauschen. Herodot berichtet von den Skythen, einem Reitervolk, das im 7. Jahrhundert v. Chr. die Steppen Osteuropas besiedelte und Hanfsamen im Dampfbad auf glühende Steine streute und dabei „so froh wurde, dass es begeistert heulte“.

Mit dem Islam und seinen verbindlichen Lebensregeln seit dem 8. Jahrhundert fanden im Orient gesellschaftliche Veränderungen statt. Durch die Ächtung des Alkohols gewannen Drogen wie Opium, Haschisch, Stechapfel und Kath an Bedeutung. Die exotischen Geschichten der Scheherazade aus 1001 Nacht scheinen einem farbigen Haschischrausch entsprungen zu sein. Allerdings war Haschisch in den islamischen Gesellschaften des Altertums eher das Kraut der Armen; die wohlhabenderen Schichten rauchten Opium. Auch in China und Indien war Haschisch schon seit der Jungsteinzeit bekannt. In Indien war der Gebrauch strengen Ritualen unterworfen – und ist es teilweise im Kult um den vedischen Fruchtbarkeitsgott Shiva noch heute.

Mit der Neuzeit begann nach einer düsteren Zeit des Hexenwahns, in dem halluzinatorische Rauschdrogen wie Bilsenkraut und Tollkirsche eine Rolle spielten, eine Phase der räumlichen und geistigen Horizonterweiterung, die direkte Auswirkungen auf den Gebrauch von Drogen hatte. Christoph Columbus entdeckte 1492 Amerika. Mit den spanischen Eroberern kam die Tabakpflanze nach Europa, von wo aus Entdeckungsreisende und Händler sie über die ganze Welt trugen. Zunächst wegen ihrer stimulierenden Wirkung als Heil- und Medizinalpflanze vor allem in höfischen Kreisen und unter Medizinern sowie Biologen weitergereicht, begann man Ende des 16. Jahrhunderts, die Blätter nach indianischem Vorbild zu rauchen. Die neue Mode breitete sich schnell aus, doch es gab schon früh intensive Bemühungen seitens der Obrigkeit und des Klerus, diese neue Sitte zu verbieten. Nachdem die vielen Versuche, den Tabakkonsum einzudämmen, keinen Erfolg hatten, wollten die Landesherren wenigstens daran mitverdienen. So wurde Tabak besteuert – bis heute: Steuereinnahmen von jährlich mehr als vierzehn Milliarden Euro (2011 allein in Deutschland) tragen „erheblich dazu bei, die damit verbundenen sozialen und medizinischen Probleme aufrechtzuerhalten“, so Dr. Henrik Jungaberle, Suchtpräventions- und Drogenforscher an der Universität Heidelberg.

Geist aus der Flasche

Die Kulturgeschichte des Tabaks, den noch heute einige Völker des Amazonas als Heil- und Religionspflanze nutzen, ist auch ein Beispiel dafür, welchen Bedeutungswandel viele psychoaktive Substanzen im Laufe der Geschichte vollzogen – vom ritualisiert eingenommenen Sakrament zur weitgehend individualisierten Genusshandlung. Am Beispiel des Opiums lässt sich das gut nachverfolgen – wie auch der Weg von der Pflanze zum isolierten, Rausch erzeugenden Wirkstoff. Der Arzt und Naturforscher Paracelsus (1493–1541) machte mit Laudanum („das Lobenswerte“), einer alkoholhaltigen Opiumtinktur, das Opium für weite Bevölkerungskreise zu einem alltäglichen Medikament gegen die Beschwerden des Alltags, wie heute etwa Aspirin. Es wurde für 400 Jahre das wohl am meisten angewendete Medikament der westlichen Welt und war vermutlich auch deshalb die erste Droge, die naturwissenschaftlich analysiert wurde.

Dem Apotheker F. W. Sertürner gelang es 1804, den „Schlaf bringenden Stoff“ im Opium zu isolieren, das Morphin. Damit war zum ersten Mal in einem pflanzlichen Produkt das Wirksame vom Unwirksamen getrennt. Schon 1827 begann die Darmstädter Firma Merck mit der Massenproduktion von Morphin. Als 1841 die Hohlnadel zur Injektion erfunden wurde, war aus medizinischer Sicht das Lazarett für die Verwundeten im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) bereitet. Morphin wurde zur „Soldatenmedizin“. Unzählige Soldaten kehrten als Süchtige heim. Um den schmerzlindernden Effekt beizubehalten, die Suchtgefahr aber auszuschließen, wurde 1898 das „Heroin“ (im Andenken an verwundete Heroen oder Kriegshelden) aus Morphin und Essigsäure hergestellt und massenhaft vermarktet. Damit war der Geist endgültig aus der Flasche. Heroin ist bis heute eine der gefährlichsten Suchtdrogen. Nach dem EU-Jahresbericht 2012 ist in den vergangenen zehn Jahren in der EU im Durchschnitt ein Mensch pro Stunde an einer Überdosis Opioiden gestorben. Meistens handelte es sich dabei um Heroin.

Krieg gegen die Drogen

Die moderne Chemie und die beginnende Industrialisierung waren die Motoren für einen grundlegenden Wandel: Aus rituell vorbereiteten Trance-Reisen wurden mit den isolierten Einzelsubstanzen endgültig pharmakologische Konsumgüter – je nach Seelenlage zum Aufputschen oder Vergessen geeignet. 1860 gelang Albert Niemann die Isolierung von Kokain aus der Kokapflanze. Damit war es nicht mehr weit zu den „Roaring Twenties“, als sich Boheme und Halbwelt in Paris und Berlin mit dem „Schnee“ in ein hysterisches Nachtleben stürzten.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden mehrere internationale Abkommen, die weltweit die Produktion von Morphin und Kokain einschränken sollten. Mit dem Internationalen Opiumabkommen von 1912 wollten die Länder des Völkerbunds erstmals weltweit die Produktion von Morphin und Kokain kontrollieren. Bis dato legale, weit verbreitete und auch als Arzneimittel verwendete Substanzen wurden für illegal erklärt. Mehrere Verträge folgten, bis 1961 mit dem Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel (Single Convention on Narcotic Drugs) ein völkerrechtlich bindender Vertrag für über 180 Staaten entstand, der namentlich Mohn-, Koka- und Cannabispflanzen – sowie daraus hergestellte Rohstoffe und einige Derivate – stark kontrolliert und jeden nicht medizinischen Gebrauch verbietet.

Doch die Einteilung in legale und illegale Drogen ist umstritten. Wie bereits bei den früheren Prohibitionsbestrebungen (Alkohol: USA, 1919–1933; Opium: China, 19. Jahrhundert) werden enorme wirtschaftliche und kriminelle Energien freigesetzt, um die Verbote zu umgehen. Mit dem Schmuggel von Drogen lässt sich glänzend Geld verdienen, wie im 19. Jahrhundert bereits die britische East-India Company in Indien und China erfahren hatte. Mit dem Opiumschmuggel in das abgeschottete China versuchte die Handelsgesellschaft, das britische Außenhandelsdefizit aus dem Teehandel mit China auszugleichen. China, das sich gegen diese Überschwemmung mit Rauschgift nicht wehren konnte, wurde in den beiden Opiumkriegen (1839–1842 und 1856 –1860) zur Öffnung seiner Märkte und zur Duldung des Opiumhandels gezwungen. Bis heute verdienen viele Menschen sehr viel Geld mit illegalem Drogenanbau und -handel. Die Politik der weltweiten Drogenprohibition, der „War on Drugs“, den der ehemalige US-Präsident Richard Nixon einst ausrief, ist gescheitert. Das gibt die Weltkommission für Drogenpolitik in ihrem Bericht 2011 zu. Drogenkartelle sind Teil der weltweit organisierten Kriminalität: mit Geldwäsche, Waffen- und Menschenhandel. Und erfolgreicher als je zuvor.

Hase-und-Igel-Spiel

Das Drogenrad dreht sich immer schneller. Jede Woche wird in der EU eine neue Droge auf den Markt gebracht, sagt die EU-Drogenbeobachtungsstelle in ihrem Jahresbericht 2011. Es ist ein Hase-und- Igel-Spiel, das sich hauptsächlich um die „Legal Drugs“ dreht – psychoaktiv wirkende Designer-Substanzen, die als Fertigprodukte verkauft werden. Sie enthalten synthetische Cannabinoide und Cathinone (Abkömmlinge aus Cannabis- und Kath- Inhaltsstoffen). Damit unterlaufen sie das Betäubungsmittelgesetz (BTM), weil sie nicht explizit verboten sind. Sobald sie mit einer Verzögerung ins BTM aufgenommen und dadurch verboten werden, entstehen neue Abwandlungen, für die das BTM (noch) nicht gilt. Unter diesen Substanzen befinden sich „Badesalze“, amphetaminartige Stoffe wie Mephedron und Bupropion, aber auch die Cathinone in Kräutermischungen wie Spice und K2. Cecilia Malmström, Mitglied der EU- Kommission, sagt: „Stimulanzien und synthetische Drogen spielen für die europäische Drogensituation eine zentrale Rolle, da sie einen sich schnell verändernden unbeständigen und schwer zu kontrollierenden Markt schaffen.“ Dazu kommen die schon länger bekannten Aufputscher und Halluzinogene Ecstasy, LSD, GHB (K.-O.-Tropfen), Crack Cocaine, Crystal Meth, Desomorphin (Krok) – eine Hydra, der mit jedem abgeschlagenen Kopf zwei neue wachsen.

Immer mehr setzt sich deshalb bei Drogenexperten die Erkenntnis durch, dass diese Entwicklung mit strafrechtlichen Maßnahmen allein nicht zu stoppen ist. Neben Aufklärung über Wirkung und aktive Beschäftigung mit den am stärksten durch Drogenmissbrauch gefährdeten Gruppen sehen viele heute einen Ausweg aus dem Elend und der Kriminalität in einer Lockerung der strengen Verbote – etwa für Drogen wie Cannabis.

Regina Naumann