Zurück zur Natur

Kolumne: Zurück zur Natur

Stern, Gesund Leben, 3/2017

Können wir noch guten Gewissens Kuhmilch trinken? “Ja!”, sagt unsere Expertin. Aber dann bitte Vorzugsmilch oder zumindest traditionell hergestellte Frischmilch

Früher, dass heißt noch zur Zeit unserer Eltern und Großeltern, war Milch einfach Milch. Es gab nur eine. Und die war gesund, das wusste jeder. Sie stärkte die Knochen, ließ kleine Kinder groß und kräftig werden und machte müde Männer munter. Heute gehört es fast zum guten Ton, Milch für ein höchst bedenkliches Lebensmittel zu halten. Übergewicht, Diabetes, Krebs und Verdauungsbeschwerden – immer scheint auch ein Weg zur Milch zu führen. Was ist da passiert? Wie ein Kartenhaus fallen gerade alte Gewissheiten über Milch in sich zusammen.

Frischmilch ist frisch? Ganz oft leider nicht. Vor dem Kühlregal habe ich heute die Wahl zwischen der “länger haltbaren Frischmilch” und der “traditionell hergestellten Frischmilch”. Eine Spitzfindigkeit, die verschleiert, dass es sich bei der länger haltbaren Milch mitnichten um Frischmilch handelt. Sie wurde auf 127 Grad erhitzt, fast so sehr wie die ultrahocherhitzte H-Milch (135 Grad). Frisch ist das nicht. Nur die “traditionell hergestellte” Milch kann als frisch bezeichnet werden. Sie wird bei 75 Grad pasteurisiert, so wie auch zu Zeiten der Eltern und Großeltern.

Milch stärkt die Knochen und schützt vor Osteoporose? Für Kinder stimmt das, sie brauchen viel Kalzium zum Knochenaufbau. Ob Milch Osteoporose vorbeugt, ist zweifelhaft. Einige Studien haben gezeigt, dass Milchtrinkerinnen sich nicht seltener die Knochen brechen; bei hohem Milchkonsum scheint das Risiko sogar zu steigen.

Milch hat wichtige Vitamine und Fettsäuren? Das stimmt nur, wenn sie frisch ist und von Weidekühen stammt. Bekommen die Tiere Kraftfutter aus Getreide statt Gras und Heu, enthält die Milch kaum Omega-3-Fettsäuren. Und Erhitzen zerstört viele wertvolle Bestandteile.

Milch ist gesund? Auch da sind sich die Experten nicht mehr einig. Möglicherweise haben Männer, die sehr viel Milch trinken, ein höheres Risiko für Prostatakrebs. Andererseits scheint Vollmilch vor Darmkrebs, Schlaganfall und Typ-2-Diabetes zu schützen.

Der Mythos von der gesunden Milch wirkt gerade ziemlich entzaubert. Aber vielleicht trinken wir auch einfach die falsche Milch: Bequem-und-billig-Milch statt Frisch-und-gesund-Milch. Natürlich ist H-Milch praktisch. Aber von all den Nähr- und Immunstoffen, mit denen die Kuh ihr Kälbchen füttert, bleibt nicht viel übrig. Dafür entstehen beim Erhitzen auch Stoffe, die nicht gesundheitsförderlich sind, allergene Spaltprodukte von Peptiden etwa.

Gesunde Milch lässt sich nicht Monate lang lagern, sie ist schließlich frisch und kann sauer werden. Mit ihrer natürlichen Keimflora und vielen Immunglobulinen ist sie ein vorzüglicher Trainingspartner für die Darmflora. Rohmilch direkt vom Hof oder die besonders streng kontrollierte Vorzugsmilch bieten das beste antiallergene Training. Aber auch die traditionell hergestellte Frischmilch hat noch einen kleinen Effekt.

Mehr als 1000 verschiedene Eiweißarten, 400 Fettsäuren und über 100 000 Metabolite (stoffwechselaktive Spaltprodukte), Wachstumsfaktoren, hormonelle Signalstoffe – Kuhmilch ist ein komplexes System und noch lange nicht restlos erforscht. Nach jetzigem Wissensstand lautet der Rat an Milchliebhaber: am besten frische Milch trinken von Kühen, die viel Grünfutter fressen.

Wir könnten auch ganz ohne Milch auskommen – so wie unsere Vorfahren vor über 10 000 Jahren. Aber wer möchte schon auf Cappuccino, Käsekuchen und Gouda verzichten?