Winzige Käfige mit Fischöl gefüllt

Kolumne: Winzige Käfige mit Fischöl gefüllt

Stern, Gesund Leben, 1/2017

Die Nanotechnologie soll Lebensmittel haltbarer und gesünder machen. Wollen wir solche künstlichen Teilchen wirklich im Essen haben?

Nanopartikel können alles, möchte man denken, wenn man sieht, wo die winzigen Teilchen überall mitspielen. Sie machen Autolack und Brillengläser kratzfest, lassen Wassertropfen von glatten Flächen abperlen. Durch sie wachsen Titantransplantate besser in unserem Körper ein, und sie können Arzneistoffe zielgenau in die Blutbahn lotsen.

Und nun kommt die Lebensmittelindustrie an die Reihe. Die Nanotechnologie soll die Haltbarkeit von bestimmten Produkten verlängern und auch der Gesundheit Nutzen bringen. Lebensmitteltechnologen, Chemiker und IT-Spezialisten stehen schon mit lauter Ideen bereit. Da ist die Rede von Brot mit nanoverkapseltem Omega-3-Fett, von Fertiggerichten, deren Aromen über die Wattzahl in der Mikrowelle bestimmt werden können, und von Sensoren, die anzeigen, wann ein Lebensmittel verdirbt. Schöne neue Ernährungswelt. Technisch wäre vieles davon machbar, es müssen nur Entwicklungen aus anderen Gebieten in die Lebensmittelproduktion übertragen werden. Aber wollen wir das alles in unserem Essen haben?

Das Format der Winzlinge ist nämlich ein Problem. Nur hundert Nanometer misst so ein Teilchen – das ist ein Zehntausendstel Millimeter. Sie sind nicht nur sehr kleine, sondern auch in ihren Eigenschaften veränderte Materieteilchen – auch feiner Sand ist schließlich etwas anderes als ein Stein. Nanopartikel gehören in die Größenordnung von Viren und Antikörpern, und sie sind sehr reaktiv. Sie lassen sich zu kleinen Käfigen zusammenfügen, in die man zum Beispiel Fetttröpfchen einfüllen kann, um den tranigen Geschmack von Fischöl zu verbergen. Von der Darmwand aufgenommen, bewegen sich Nanopartikel in der Blutbahn und durchdringen Zellmembranen und sehr wahrscheinlich auch die Blut-Hirn- Schranke.

Auch wenn es Partikel in Nanogröße in der Natur schon immer gegeben hat – in Kerzenruß, Milch und Mayonnaise zum Beispiel – muss man sehr genau untersuchen, was mit künstlich hergestellten Teilchen in dieser Größenordnung im Körper geschieht.

Die Verbraucher haben jedenfalls keinen Appetit darauf. Sie akzeptieren zwar Nanopartikel in Produkten wie Autolacken, aber je näher die Technologie dem Körper rückt, desto stärker wird ihr Einsatz abgelehnt. Vor allem dann, wenn sie lediglich der äußeren Kosmetik von Produkten dient.

Die Bundesregierung möchte mit dem Aktionsplan Nanotechnologie 2020 die Entwicklung von Lebensmitteln mit geringerem Salz-, Zucker- und Fettgehalt fördern. Teilchen im Nanomaßstab haben eine große Oberfläche, dadurch werden die Geschmacksnerven intensiver gereizt. Trotz geringeren Salz- oder Zuckergehalts wird das gleiche Geschmackserlebnis suggeriert.

Viele halten diesen Weg für falsch. Auch Ernährungsmediziner sind längst nicht alle begeistert von der Nano-Zukunft: Gesunde Ernährung brauche nicht mehr, sondern weniger künstliche Zusatzstoffe und Aromen. Wer unverarbeitete und frische Lebensmittel kauft und selber kocht, kann den Zuckergehalt selbst bestimmen – und nanotechnologische Frischesensoren auf der Verpackung erübrigen sich.

In seinem wunderbaren Buch “Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte” hat der amerikanische Wissenschaftsautor Michael Pollan ein paar einfache Regeln aufgestellt, mit denen man sich gesund ernähren kann. Eine davon lautet: Meiden Sie Produkte mit Zutaten, die sich kein normaler Mensch in die Speisekammer stellen würde. Nanokäfige mit Fischöl gehören sicherlich dazu.