Wie weit geht regional eigentlich?

Kolumne: Wie weit geht regional eigentlich?

Stern, Gesund Leben, 6/2016

Unsere Kolumnistin hat ihre persönliche Regio-Grenze bei 100 Kilometern angesetzt. Das bedeutet jetzt im Winter: Kartoffeln, Rüben, Kohl. Klasse, findet sie

“Regio” ist ein Riesentrend. Frisch geerntet und aus der Region – das übertrumpft in Umfragen unter Verbrauchern bereits “bio”. Das frischeste Obst und Gemüse gibt es natürlich direkt beim Erzeuger oder auf dem Wochenmarkt. Zwar preisen auch Supermärkte regionale Marken und Produkte aus der näheren Umgebung an. Doch ist der Handel mit regionalen Lebensmitteln nicht das vorrangige Ziel von Supermärkten. Ihre Einkaufsmanager besorgen die Ware überall auf der Welt – zum jeweils günstigsten Preis.

Der Begriff “regio” ist nicht gesetzlich definiert und deshalb dehnbar: vom Schwarzwälder Schinken, dessen Schweinekeulen auch aus dem EU-Ausland stammen dürfen, bis zum Kohl, den der Landwirt in seinem Hofladen verkauft. Jenseits der Spitzfindigkeiten von Marketingabteilungen verstehen die meisten Menschen unter “regional” ein Produkt, das frisch geerntet wurde und auf kurzen Wegen zum Konsumenten gelangt. Meine persönliche Definition beschränkt “regio” auf einen Radius von etwa 100 Kilometern.

Niemand kann beim Einkaufen und Essen ständig die Klima-und Transportbilanz im Kopf haben. Statt dogmatischer Regeln steht für mich der Spaß an immer neuen Geschmacksrichtungen im Vordergrund. Im Frühling freue ich mich auf den ersten Spargel, gefolgt von frischen Erdbeeren, Rhabarber und Tomaten mit Basilikum. Dann der Sommer mit seiner überbordenden Fülle, die dicken Kürbisse im Herbst und die deftigen warmen Wintergerichte mit vielen Kohl- und Rübenvarianten.

Regionales Winteressen, das heißt: keine Tomaten, keine Paprika, keine Zucchini – über Erdbeeren und Spargel brauchen wir gar nicht erst zu reden. Stattdessen Rot- und Weißkohl, Rosenkohl, Butterrüben, rote und gelbe Rüben, Kartoffeln, Äpfel, Feldsalat. Eintönig? Von wegen. Nach langen Frühlings- und Sommermonaten mit Tomaten- Gurkensalat und Paprika-Antipasti wechselt das Programm: Kürbis-Kartoffel- Auflauf mit Portulak-Pesto.

Dem Körper tut dieser Wechsel gut. Die sekundären Pflanzenstoffe in Obst und Gemüse stellen ständige kleine Stressreize dar, auf die der Organismus mit Abwehrmechanismen reagiert, die ihn letztlich stärken. Auch darauf soll die gesundheitsfördernde Wirkung von Obst und Gemüse beruhen. Aber wie im Sport brauchen die Körperzellen nach Stress auch wieder Erholung. Mal etwas anderes zu essen bedeutet, dass nicht immer die gleichen Pflanzenstoffe einwirken: Glucosinolate aus Kohl statt Lycopin aus Tomaten – vielgenutzte Stoffwechselwege können sich regenerieren, andere aktiviert werden.

In der deutschen Küche dominieren bodenständige Rezepte wie Kohlrouladen, Sauerkraut und Grünkohl mit Wurst – allesamt stundenlang weich gekocht. Dass es auch anders geht, zeigenjunge Spitzenköche, die kreativ mit Wintergemüse umgehen. In Foodblogs finden sich interessante Rezepte, etwa kurz blanchierter, in Zitrone und Ingwer marinierter Grünkohl. Viele wissen gar nicht, dass Kohlgemüse gut doppelt soviel Vitamin Cwie Zitrusfrüchte haben – sofern sie nur kurz erhitzt werden. Willkommener Nebeneffekt: Der typische Kohlgeruch während des Kochens ist längst nicht so intensiv. Und was ist mit Orangen? Ohne Orangen, Mandarinen, Zimtsterne, Kakao und Schokolade ist die Weihnachtszeit kaum denkbar. All diese Genüsse sind nicht regional, sondern kommen von weit her. Wir sollten uns freuen, dass wir sie haben. Denn mit Bedacht eingesetzt sind Lebensmittel aus fernen Kulturen und Klimazonen eine köstliche und gesunde Ergänzung zu unseren einheimischen Speisen.