Fett gegessen, dumm gelaufen

Ungesunde Nahrung macht nicht nur dick, sondern verringert auch die
Denkleistungen. Dies zeigen zwei amerikanische Studien.

HAMBURG. Wir wissen es eigentlich alle: Übergewicht ist ungesund. Die Warnungen vor den gesundheitlichen Risiken durch zu viel Bratwurst und Kuchen reichen von Diabetes bis Schlaganfall. Aber nun setzen amerikanische Wissenschaftler noch eins drauf: Zu viel Bauchspeck – so haben
sie in zwei Studien herausgefunden – schädigt auch das Gehirn. Übergewicht und eine falsche Ernährung könnte diesen Untersuchungen zufolge ganze Hirnbereiche schrumpfen lassen.

Das Team um Antonio Convit vom Nathan Kline Institute für Psychiatrieforschung in New York berichtet, dass bestimmte Belohnungs- und Appetitbereiche des Gehirns bei Übergewichtigen deutlich verkleinert sind. Sie untersuchten 44 übergewichtige und 19 normalgewichtige gesunde Personen mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT), einem Verfahren, das Rückschlüsse auf die Menge an grauer Substanz zulässt. Außerdem ermittelten sie den Eiweißstoff Fibrinogen, ein Marker für Entzündungsprozesse im Nervensystem.
Übergewicht verändert Hirnregionen, die emotionale Bewertungen steuern
Übergewichtige Personen hatten deutlich höhere Fibrinogen-Werte als die Normalgewichtigen, was aus früheren Untersuchungen bereits bekannt und folglich erwartet worden war. Erstaunlich bei diesen Untersuchungen war aber, dass die Entzündungsstoffe eine Verbindung zu den MRT-Aufnahmen hatten. Je mehr Fibrinogen im Blut zu messen war, desto kleiner waren die untersuchten Hirnbereiche. Als ob durch die entzündungsfördernde Ernährung ganze Hirnbereiche geschrumpft wären. Die deutlichsten Veränderungen fanden die Forscher im Bereich des präfrontalen Cortex und im sogenannten Mandelkern, beides Regionen, in denen die emotionale Bewertung von Situationen gesteuert wird, unter anderem auch der Umgang mit Belohnung und Bestrafung.

“Es gibt Hinweise darauf, dass Einfachzucker und gesättigte Fettsäuren bestimmte Bereiche des Gehirns in ihrer Funktion beeinträchtigen”, berichtet Dr. Petra Wiedmer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. “In letzter Zeit wird zunehmend der Einfluss des metabolischen Syndroms, also des Übergewichts mit seinen Stoffwechselentgleisungen, auf die Hirnfunktion untersucht. Dabei zeigt sich, dass Entzündungsstoffe die Empfindlichkeit der Neuronen im Gehirn für Signale aus dem Körper reduzieren.” Gerade im Belohnungssystem nimmt den Untersuchungen von Convit zufolge die Masse an Neuronen ab. Offensichtlich können dann Appetit und Heißhunger nicht mehr in geordneter Weise geregelt werden – einfach, weil immer weniger neuronale Verschaltungen vorhanden sind. “Es zeigt sich in mittlerweile vielen Studien, die zum Belohnungssystem in Verbindung mit Essen gemacht werden, dass diese Menschen Essen fast tatsächlich wie eine Droge konsumieren”, berichtet Prof. Agnes Flöel, Neurologin an der Berliner Charité. “Deshalb ist es auch so unendlich schwer, aus diesem Zyklus herauszukommen.” Das sieht in der Tat nach einem Teufelskreis aus: Zu viel Essen führt zu Übergewicht, es werden vermehrt Entzündungsbotenstoffe gebildet, die im Gehirn gerade die Bereiche schrumpfen lassen, die den Heißhunger regulieren. Es müssen dann immer mehr Reize in Form von gut duftendem und schmeckendem Essen eintreffen, um bei nachlassender neuronaler Empfindlichkeit doch noch Befriedigung zu bekommen.
Allerdings wissen auch die Wissenschaftler noch nicht, ob die Gewichtszunahme zur Schädigung der Neuronen führt oder ob möglicherweise ein bereits vorhandener Hirnschaden zu vermehrtem Essen und Übergewicht führt. Die amerikanischen Forscher nehmen an, dass sich die beiden Prozesse möglicherweise gegenseitig verstärken.

Wahrscheinlich werden keine Nerven abgebaut, sondern nur Verbindungen
Prof. Flöel weist diesbezüglich auf die beschränkte Aussagekraft der Magnetresonanztomografie hin. “Man kann bei dieser Untersuchung nicht sagen, was genau im Gehirn geschädigt ist. Wir können nur das Volumen und die Dichte einer bestimmten Hirnregion messen; was bei geringerem Volumen oder Dichte geschieht, wissen wir nicht.” Man sieht keine einzelnen Zellen, dazu müsste man Gewebeschnitte durchführen, was natürlich nicht geht. “Wahrscheinlich werden keine Nerven abgebaut, sondern die synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen werden schlechter ausgebildet,” so Flöel. Eine sehr viel angenehmere Vorstellung als ein Untergang von Nervengewebe, denn synaptische Verbindungen können sich auch wieder neu bilden.

Gedächtnis, Lernvermögen und räumliche Orientierung leiden
Wenn Bereiche des Belohnungssystems im Gehirn durch Übergewicht abnehmen, könnte dies auch für Bereiche gelten, die direkt für Denken und Erinnern zuständig sind? Die zweite amerikanische Studie lässt genau dieses befürchten. Terry Davidson von der Purdue- Universität in Illinois hat mehrere Studien ausgewertet, die zeigen, dass eine typisch westliche Nahrung mit viel Zucker und gesättigten Fettsäuren mit kognitiven Einschränkungen verbunden ist. Im Tierversuch führt eine solche Nahrung direkt zu Entzündungserscheinungen. Die Defizite treten zuerst am Hippocampus auf, dem Hirnbereich, der für Gedächtnis, Erinnerungs- und Lernvermögen und räumliche Orientierung zuständig ist. Die Schäden, die Übergewicht am Hippocampus anrichtet, sind möglicherweise auch eine Fehlregulation des Erinnerns. Denn gerade beim Essen wäre manchmal Vergessen besser als ein zu gutes Gedächtnis: Wenn nämlich die Erinnerung an ein gut duftendes Steak so hartnäckig haften bleibt, dass man gleich wieder eines essen möchte.
Flöel hat Erfahrung mit dem Einfluss von kalorienreicher Ernährung auf die Gedächtnisleistung. Bereits vor zwei Jahren hat die Neurologin eine Untersuchung mit älteren Menschen durchgeführt, die drei Monate lang eine um ein Drittel kalorienreduzierte Diät machten. Dabei stellte sie fest, dass weniger Kalorien auf dem Teller zu mehr Denkvermögen führten: Die Lernleistung stieg in der Reduktionsgruppe um 20 Prozent. Flöel: “Wenn man abnimmt, wird das Gedächtnis besser.”
Sie macht Mut: “Wir konnten zeigen, dass sich solche Defizite auch wieder rückgängig machen lassen. Man kann diese Prozesse positiv beeinflussen.” Von speziellem Brain Food, Nahrung, die dem Gehirn und der Denkleistung nützt, hält sie allerdings bisher noch wenig. “Dessen Wirkung ist am Menschen noch nicht sicher nachgewiesen. Am besten ist eine gesunde, ausgeglichene, nicht zu kalorienreiche Ernährung.” Aber das wussten wir eigentlich auch schon.