Das Glück wächst an Sträuchern

All die Beeren, die jetzt in prallen Farben leuchten, sind Wunderwerke der Chemie. Aber keine Angst: Sie strotzen vor gesunden Inhaltsstoffen

Vergessen Sie Goji, Açai und Chia. Unser Superfood heißt jetzt Heidelbeertarte, Himbeergrütze, Brombeermarmelade oder Johannisbeersaft. Die darin enthaltenen Früchte gehören zur kulinarischen Top-Liga. Und unsere heimischen Früchte und Beeren bieten ein weites Spektrum an gesundheitsförderlichen Inhaltsstoffen, von Vitaminen bis zu Antioxidantien – genauso wie die aus Nepal, Südamerika oder sonst wo auf der Welt. Was wir an Beeren und anderen Früchten so lieben – das Aroma, die Farben, der Duft – ist nichts anderes als ein Waffenarsenal für eine Art chemischer Kriegführung und findet sich fast überall im Pflanzenreich.

Es ist schweres Geschütz, das Pflanzen auffahren, um ihre Nachkommen zu verteidigen. Die Bitterstoffe in unreifen grünen Beeren verursachen Magenschmerzen und Durchfall und stoppen Fraßfeinde, auch die Menschen. Die vielen Aroma- und Duftstoffe wirken anti-mikrobiell und schützen die Beeren vor Krankheitserregern und Fäulnis. Die Sonne ist ein echtes Dilemma für die Mutterpflanze. Ohne Sonnenenergie keine Reifung, aber zu viel UV-Strahlung könnte die zarten Samen schädigen. Die Pflanze greift deshalb zur gleichen Strategie wie wir Menschen: Wir haben braunes Melanin in der Haut als natürliches Sonnenschutzmittel, Pflanzen füllen die Außenhaut ihrer Beeren mit roten und blauen Farbstoffen – je dunkler, desto mehr davon ist enthalten.

Stern Gesund leben 04/2017

So eine Beere ist also ein wahres Chemikalienpäckchen. Das mag abschreckend klingen, aber genau diese pflanzlichen „Chemiewaffen“ sind gesund. All die bitteren Phenole, aromatischen Terpene und farbgebenden Anthocyane können vor verstopften Gefäßen, Entzündungen und bestimmten Krebsarten schützen – und nach neueren Ergebnissen wahrscheinlich auch vor Depressionen, Demenz, ja sogar Lernproblemen und schlechter Laune. Gut, auch ohne dröge Studien ist klar: Leckere Himbeertorte oder Rote Grütze heben natürlich die Stimmung. Aber die Forscher haben sich nicht auf subjektive Gefühle verlassen. In Studien maßen sie den Einfluss von Heidelbeeren auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Senioren mithilfe von psychologischen Tests und MRT-Aufnahmen des Gehirns. Das Ergebnis: Heidelbeeren verbessern die Gehirnaktivität, den Blutfluss im Gehirn und die geistige Leistungsfähigkeit. Die Forscher machen den hohen Gehalt an Flavonoiden verantwortlich, darunter die Anthocyane, die Heidelbeeren die blaue Farbe verleihen.

Gerade Kinder und Jugendliche kann eine Ernährung mit viel Obst und Gemüse vor Depressionen schützen. Da Depressionen im Jugendalter die Entwicklung von Denkfähigkeiten wie Planen und Problemlösen beeinträchtigen, kann man es als Investition in die Zukunft sehen, wenn reichlich Beeren auf den Tisch kommen.

Die vielen Sorten, die im Sommer heranreifen, sind also nicht nur ein Gewinn für die Küche, sondern auch für die Gesundheit. Was tun, wenn die Saison zu Ende geht? Wer fleißig Marmelade oder Saft gekocht hat, kann den Geschmack des Sommers in den Winter hinüberretten. Und zum Glück sind Beeren nicht die einzigen Lebensmittel, die wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe enthalten. Buntes Obst und Gemüse zeigt schon optisch an, dass es voll von blauen Anthocyanen, roten Carotinoiden und grünem Chlorophyll ist. Wer braucht bei Auberginen, Rotkohl und Weintrauben dann noch Superfood aus Asien oder Südamerika?